13. Oktober 2014

„The New Gründergeist” - Eric Schmidt spricht in Berlin über Innovation, Technologie und die Zukunft des Internet

Eric Schmidt hat heute im Rahmen eines Besuchs in Berlin die Firmenzentrale von Native Instruments, dem führenden Hersteller von Hard- und Software für computerbasierte Musik-produktion und DJ-Equipment, besichtigt. Der Google-Chairman sprach vor rund 100 Unternehmensgründern sowie Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft über Innovation, Technologie und die Zukunft des Internet. (Foto: Daniel Haver und Eric Schmidt)


Hier die Rede in ihrem kompletten Wortlaut (deutsche Übersetzung):

Ich freue mich, mit Ihnen allen hier in Berlin zu sein.

Jedes Mal, wenn ich hier bin, werde ich daran erinnert, dass diese Stadt ein Symbol für die Welt ist. Ein Symbol für Fortschritt und Einheit und die Fähigkeit, sich gemeinsam für ein Ziel einzusetzen… neue Chancen zu schaffen… im wahrsten Sinn des Wortes Mauern einzureißen. In diesen Tagen jährt sich der Fall der Mauer zum 25. Mal, und wir feiern damit auch die 25 Jahre starke Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern.

Dies zeigt sich klar in der Tiefe der geschäftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern. Heute gibt es über 3.000 deutsche Unternehmen in den Vereinigten Staaten, die über 670.000 Menschen beschäftigen – und über 2.500 amerikanische Unternehmen mit 800.000 Mitarbeitern in Deutschland. In anderen Worten, das Wohlergehen von 6.000 Unternehmen und 1,5 Millionen Menschen hängt von den anhaltend guten Beziehungen zwischen unseren Ländern ab.

Google ist eines dieser Unternehmen, das signifikant auf beiden Seiten des Atlantiks investiert. Wir beschäftigen in Deutschland mehr als 1100 Menschen in fünf Büros, letztes Jahr haben wir allein hier über 200 Millionen Euro investiert. Insgesamt arbeiten mehr als 9000 Menschen für Google in Europa, unsere Investitionen betrugen allein in den vergangenen vier Jahren mehr als 4 Milliarden Euro. Wir haben uns diesem Land sehr verschrieben, und wir glauben an diesen Kontinent.

Uns verbindet einiges: eine tiefe Liebe zur Innovation… zur Kreativität… zum Unternehmertum. Ich sah es bei Factory, dem neuen Zentrum für Start-up-Unternehmen, an dessen Eröffnung wir diesen Sommer hier in Berlin mitwirken durften. Und ich sehe es hier und heute bei Native Instruments – einem Unternehmen, das sich um Erfindungen und bahnbrechende Neuerungen dreht. Ihre Verschmelzung von Musik und Software hat eine ganze Branche revolutioniert, und aus Ihren unglaublichen Ideen ist eine ganz neue Art Musik hervorgegangen. Elektronische Musik gibt es heute überall. Manches davon mag ich sogar. Ich könnte heute auch eine andere Rede halten zum Einfluß elektronischer Musik im modernen Pop. Oder wir könnten uns über meine Lieblingsremixe von Beyonce unterhalten. Das verschieben wir aber lieber auf ein anderes Mal.

Anstatt dessen möchte ich heute Abend über ein anderes, vielleicht wichtigeres Thema sprechen: Erfindungen und Erfindergeist. Ich möchte dabei zwei Punkte klar herausarbeiten. Zuallererst: Der Erfindungsprozess hört nie auf. Die besten Erfindungen sind nie fertig. Große Erfinder stellen sich nicht einfach hin, reiben sich die Hände und sagen: „Meine Arbeit ist nun erledigt“. Sie sind nicht Damien Hirst, der seine Kreativität in Formaldehyd eingefroren hat. Sie brennen darauf, weiterzumachen, um etwas noch Besseres zu schaffen. Teils aus Liebe, teils aus Notwendigkeit. Denn wenn sie ihre Ideen nicht immer wieder neu erfinden, wird es jemand anderes tun und ihr Lebenswerk in der Bedeutungslosigkeit verschwinden lassen oder es auslöschen, was noch schlimmer wäre!

Dies bringt mich auch schon zu meinem zweiten Punkt – genau wie Erfindungen dynamisch sind, so sind es auch die Branchen, die aus ihnen entstehen. Als Karl Benz den Benziner erfand, hatte er nicht nur einen Motor mit drei Rädern geschaffen (es waren anfangs wirklich nur drei Räder!)… nein, er hatte eine ganze Branche geboren. Dasselbe gilt für Tim Berners-Lee. Er schuf nicht nur die erste Webseite der Welt, sondern ebnete auch den Weg für das World Wide Web.

Ich sehe, dass viele von Ihnen jetzt lächeln oder nicken, aber Erfindungen können auch zu Unbehagen führen – weil sie chaotisch und unvorhersehbar sind.  Niemand ist jemals wirklich bereit für eine technologische Revolution. Platon glaubte, die Schrift würde seine Schüler davon abhalten, sich Dinge zu merken. Künstler befürchteten, die Fotografie würde den Niedergang der Malerei beschleunigen. Radio und Fernsehen würden das Ende der Konversation bedeuten. Mir persönlich gefällt besonders der Hass des Schriftstellers Mark Twain auf das Telefon: „Es ist meine warmherzige und weltumspannende Weihnachtshoffnung“, so schrieb er in einem Brief aus dem Urlaub, „dass wir uns alle irgendwann in einem Himmel des ewigen Friedens und der ewigen Ruhe und Glückseligkeit wiedersehen, außer dem Erfinder des Telefons.“

Ich hoffe jedoch, dass Twain bei all seinem Zynismus dies nicht auch über die Suchmaschinen gesagt hätte. Google begann als ein Traum – im wahrsten Sinne des Wortes. Einer der Gründer, Larry Page, wachte mitten in der Nacht auf und dachte nach… was wäre, wenn er das gesamte Internet und Links herunterladen könnte? Wäre das nicht wirklich hilfreich? Er griff nach einem Stift und notierte schnell die Details, in der Hoffnung, dies sei möglich. Zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht auf die Idee gekommen, eine Suchmaschine zu erschaffen. Dies kam erst später.

Diese Geschichte ist mir wichtig, weil sie eindrücklich daran erinnert, dass es bei Erfindungen darum geht, Träumen hinterherzujagen: der Möglichkeit, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Wie Albert Einstein einmal sagte: „Wenn die Idee am Anfang nicht absurd erscheint… dann gibt es keine Hoffnung, dass sie umgesetzt wird.“ Schauen wir uns Thomas Edison an. Die Gebrüder Wright. Karl Benz. Ihre Ideen schienen zu ihrer Zeit verrückt. Doch sie haben Licht ins Dunkel gebracht, uns in die Lüfte erhoben und uns buchstäblich den Weg in die Zukunft geebnet.

Ein Jahrhundert später hat Google es den Menschen ermöglicht, nahezu alles herauszufinden, indem sie einfach ein paar Wörter in einen Computer eingeben. Anfangs waren die Menschen erstaunt. Sie konnten es nicht glauben. Obwohl technisch bereits sehr komplex, war die erste Version von Google noch ziemlich holprig. Man erhielt eine Seite Text, unterbrochen von zehn blauen Links. Klar, die Ergebnisse waren besser als alles andere zuvor. Aber nach heutigen Maßstäben war das nicht weltbewegend. Es gab keine Bilder, keine Videos, keine Nachrichten, keine Karten… nichts richtig Besonderes.

Stellen Sie sich vor, niemand hätte den Wright Flyer weiterentwickelt… ich wäre hierher geflogen, über den Atlantik, und hätte mich krampfhaft an der Rückseite eines Segelflügels festgehalten! Und wenn Benz sein dreirädriges Auto nicht weiterentwickelt hätte, dann hätten Konkurrenten sein Unternehmen in der Versenkung verschwinden lassen. Denn andere sehen, wenn neue Möglichkeiten geschaffen werden, und ergreifen ihre Chance.

So haben auch Larry und Sergey – wie alle anderen erfolgreichen Erfinder – immer weiter getüftelt. Es begann mit Bildern. Letztlich wollten die Menschen mehr als bloß Text. Dies zeigte sich erstmals 2001 nach den Grammy Awards. Jennifer Lopez trug ein grünes Kleid, das… nun ja… die ganze Welt beeindruckte. Ganz im Ernst, das Kleid selbst hat einen eigenen Eintrag bei Wikipedia: Green Versace Dress of Jennifer Lopez. Es war eine Sensation.

Und es war die beliebteste Suchanfrage, die uns je untergekommen war, aber wir hatten noch keine Methode entwickelt, um den Nutzern genau das zu bieten, was sie sehen wollten: J-Lo in ihrem Kleid. Als Ergebnisse erschienen Links auf Webseiten, die vielleicht das richtige Bild hatten, vielleicht aber auch nicht, oder die es irgendwo im Text beschrieben. Aus diesem Problem heraus wurde die Bildersuche von Google geboren.

Ein viel ernsteres Ereignis führte zur Geburtsstunde von Google News. Nach dem 11. September stellte einer unserer Ingenieure fest, dass in den Ergebnissen der Suchanfrage „World Trade Center“ nichts zu den Terroranschlägen zu finden war. Und da jede Webseite ein in sich geschlossenes System war, gab es keine Möglichkeit, Nachrichten von verschiedenen Anbietern oder aus verschiedenen Ländern miteinander zu vergleichen. Wäre es nicht besser, wenn die Menschen alle Schlagzeilen der Welt sehen und in Echtzeit erfahren könnten, wer was zu den einzelnen Ereignissen zu sagen hat?

Und dann gab es da das kleine Problem mit der Übersetzung. Zu Beginn fanden sich im Internet hauptsächlich englischsprachige Inhalte. Daher waren sie für eine große Mehrheit der Menschen weltweit nicht von Nutzen. Google Translate jedoch liefert heute über eine Milliarde kostenlose Übersetzungen pro Tag für mehr als 200 Millionen Anwender weltweit in 80 Sprachen.

Wie Sie sehen, rührte ein Großteil unserer Innovationen von unserer eigenen Unzufriedenheit mit den Google-Ergebnissen her. Karten sind dafür ein gutes Beispiel. Uns war immer schon klar, dass Menschen, die unter Google nach einer Adresse suchen – zum Beispiel „Unter den Linden“, keinen Link zu Webseiten haben wollen, auf denen diese Straße erwähnt wird. Sie wollen meistens wissen, wo diese liegt und wie sie dort hinkommen.

Also erstellten wir selbst Karten, die sich anklicken und ziehen und damit kinderleicht bedienen lassen. Mit der Zeit fügten wir Sehenswürdigkeiten und andere wichtige Adressen, z. B. von Unternehmen, sowie die Wege dorthin zu Fuß, mit dem Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinzu. Und wir entwickelten Google Earth, weil es keine vollständige Satellitenansicht unseres Planeten gab und die Leute sich gerne über ihre Nachbarschaft oder über ein Hotel, das sie für den Urlaub gebucht haben, informieren. Dann erfanden wir Street View, damit man sein Ziel virtuell ansehen und vor Ort besser orientieren kann, auch ohne angestrengt die Hausnummern lesen zu müssen.

Karten werden heute als integraler Bestandteil von Suchmaschinen empfunden, und die meisten Menschen können sich Google gar nicht mehr ohne Karten vorstellen. Dasselbe gilt für viele unserer Änderungen. Ihre Suche wird mit der Zeit immer besser. Suchen Sie bei Google nach „Berlin Wetter“ und Sie bekommen nicht mehr zehn blaue Links angezeigt, die Sie durchsuchen müssen. Sie erhalten stattdessen die Wettervorhersage für die nächsten Tage als erstes Ergebnis, was Ihnen Zeit und Mühe spart. Oder suchen Sie bei Google nach “Bratwurst“ – und auf der ersten Seite werden Sie Bilder, Nährwertangaben und eine Webseite mit Rezepten finden.

Auf dem Weg dahin mussten wir uns Gedanken darüber machen, wie wir damit Geld verdienen könnten - andererseits wären all diese Ideen und Neuerungen nicht nachhaltig. Nikola Tesla war ein außergewöhnlicher Erfinder - einer der größten. Aber er ist mit seinen Erfindungen niemals über das Forschungsstadium hinausgekommen - Millionen haben sie niemals zu Gesicht bekommen, weil er es nicht geschafft hat, seine Erfindungen wirtschaftlich nutzbar zu machen. Bei Google haben wir unaufdringliche Textanzeigen neben unsere Suchergebnisse gestellt. Werbungtreibende bieten über ein Auktionssystem auf unterschiedliche Suchbegriffe - Kredite, Flüge, Campingzelte, Schuhe, alles Mögliche. Das Schöne an diesem Ansatz: Die Anzeigen sind äußert relevant für die Menschen, und Werbungtreibende zahlen nur dann, wenn ein Nutzer auch auf die Anzeigen klickt. Zudem haben diese Anzeigen einer neuer Generation von Unternehmern gänzlich neue Möglichkeiten eröffnet -- klein- und mittelständische Unternehmen, die sich niemals Werbeanzeigen in Zeitungen oder Werbeclips im Fernsehen leisten konnten, sind mit Hilfe von Google in der Lage, eine nationale oder gar weltweite Zielgruppen zu erreichen. Solche Unternehmen kann man gut als “Micro-Nationals” bezeichnen. Wie zum Beispiel Gerhard Schmieder, der im Schwarzwald Kuckucksuhren in Handarbeit herstellt. Dank AdWords exportiert er seine tollen Uhren nun auch in die USA und Asien.

Technologischer Wandel bestimmt aber auch die Geschwindigkeit, in der Google Innovationen vorantreiben muss. Denken Sie nur an mobile Endgeräte. Da unsere Bildschirme immer kleiner werden, wachsen die Herausforderungen. Wir müssen uns anpassen und weiterentwickeln, da die Suche auf einem mobilen Endgerät ganz anders als auf einem PC funktioniert. Schnelligkeit und Einfachheit sind das Wichtigste. Deshalb ist die beste Antwort ganz einfach… die Antwort. Wenn Sie „wie komme ich mit dem Zug nach Hamburg“ suchen, wollen Sie den Fahrplan der Bahn direkt auf dem Display angezeigt bekommen – ohne zusätzliche Anstrengungen. Und das bietet Ihnen Google.

Mit mobilen Geräten versteht Google auch Ihren Kontext besser, was wiederum zu besseren Ergebnissen führt. Wenn Sie zum Beispiel nach „Pizza“ suchen, wenn Sie sich in der Torstraße in Berlin befinden, können wir Ihnen Pizzerien ganz in Ihrer Nähe anzeigen – nicht am anderen Ende der Stadt. Und natürlich sind mobile Geräte die Vorreiter in Sachen sprachgesteuerte Suche, die alles so viel einfacher macht, da Sprechen weniger Mühe kostet als Schreiben. Stellen Sie sich neben das berühmteste Berliner Bauwerk und fragen Sie „Wie hoch ist Brandenburger Tor?“, und Sie werden die Antwort direkt auf Ihr Display bekommen. Falls Sie sich nicht sicher sind, es sind 26 Meter!

Da die Menschen immer mehr Zeit mit ihren Smartphones verbringen und die Nutzung herkömmlicher PCs nachlässt, wird es immer wichtiger, Anwendererfahrungen auf kleineren Touchscreens umzusetzen. Dieses Jahr erreichte unsere Branche einen bedeutenden Meilenstein, da die Nutzung der mobilen Endgeräte die PC-Nutzung zum ersten Mal überhaupt überstieg. Die am PC verbrachte Zeit ist auf nur noch 40 % zurückgegangen.

Sie hören oft, wie Leute über eine Suche als gelöstes Problem reden. Aber wir sind noch lange nicht so weit. Versuchen Sie es mit einer Abfrage wie „zeigen Sie mir Flüge unter 300 Euro, wo es im Dezember warm ist und wo ich schnorcheln kann.“ Das ist ziemlich kompliziert: Google muss Flüge unter 300 Euro finden, warme Reiseziele im Winter kennen und wissen, an welchen Orten am Meer es schöne Fische gibt. Das sind eigentlich drei verschiedene Suchvorgänge, die miteinander verknüpft werden müssen, um die richtige Antwort zu erhalten.

Leider können wir das für Sie heute noch nicht lösen. Aber wir arbeiten daran. Die Flugsuche ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Viele Jahre lang war Google nicht sehr gut darin, Anfragen wie „Flüge Berlin nach London“ zu beantworten. Wir zeigten eine ganze Reihe an Links zu anderen Seiten an, wo die Nutzer ihre Anfrage immer wieder neu eingeben mussten. Wir stellten viele wiederholte Suchanfragen fest, ein klares Zeichen von Frustration. Die Leute wollten direkten Zugang zur Information, mit weniger Klicks. Also entwickelten wir die Flugsuche und können heute schnell Preise und Flugzeiten von verschiedenen Fluglinien direkt auf der Ergebnisseite vergleichen.

Dieses Problem der direkten Antwort auf Fragen steht im Mittelpunkt der vielen Beschwerden, die gegen Google bei der Europäischen Kommission eingereicht wurden. Unternehmen wie Expedia, Yelp und TripAdvisor behaupten, dass ihren Webseiten wertvoller Traffic entzogen wird und ihr Geschäft damit benachteiligt wird. Sie würden lieber wieder zu den 10 blauen Links zurückkehren. Dabei ist interessant, dass der Traffic, den diese Webseiten über Google bekommen, bedeutend zugenommen hat – viel schneller als unser eigener Traffic – seit wir direkte Antworten auf Fragen anzeigen. Die Menge an Traffic, die in Richtung anderer Dienste erzeugt wird, sollte jedoch nicht der Gradmesser für den Erfolg von Google sein, da das Ziel einer Suchmaschine darin besteht, den Nutzern relevante Ergebnisse so schnell wie möglich anzuzeigen. Und dies ist die Motivation, die hinter all unseren Verbesserungen der letzten zehn Jahre steht.

Das bringt mich zu meinem zweiten Punkt: Genau wie Erfindungen dynamisch sind, so sind es auch die Branchen, die aus ihnen erwachsen. Vor einigen Jahren zeichnete ein Anwalt eines unserer Konkurrenten ein Bild einer Küstenlinie mit einer kleinen vorgelagerten Insel. Er fügte eine gepunktete Linie hinzu und erklärte, dies sei die einzige Fähre, die die Insel mit dem Festland verbinde. Er wollte Google mit dieser Fähre vergleichen und behauptete, es gäbe keinen anderen Weg für das Surfen im Internet. Viele von Ihnen werden instinktiv denken, dass er Recht hat. Sie nutzen Google häufig (danke schön) und auch der Rest Europas tut es! Aber auch wenn wir unzweifelhaft ein wichtiger Teil des Internets sind, so erfolgt Informationsbeschaffung doch in allen möglichen Formen und Größen, da es viele verschiedene Fenster ins Web gibt.

Wenn Sie Nachrichten suchen, gehen Sie wahrscheinlich direkt auf Ihren bevorzugten Nachrichten-Service. Die “Bild”, die am meisten gelesene Tageszeitung in Europa, erzeugt rund 70 Prozent ihres Traffics direkt, weil Menschen die Seite bookmarken oder “www.bild.de” direkt in ihren Browser eingeben. Etwas über 10 Prozent ihres Traffics kommt über Suchanfragen und etwas weniger als 10 Prozent aus sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Wie der Economist kürzlich schrieb: „soziale Netzwerke… sind zu einem wichtigen Navigationssystem für Anwender geworden, die im Internet nach Inhalten suchen.“

Wenn Sie etwas kaufen möchten, vielleicht ein Campingzelt, können Sie auf Google oder Bing oder Yahoo oder Qwant, die neue französische Suchmaschine, gehen. Aber wahrscheinlich gehen Sie gleich auf Zalando oder Amazon, wo Sie Modelle und Preise vergleichen, Rezensionen lesen und auch gleich für Ihren Einkauf bezahlen können. Untersuchungen der Forrester-Gruppe haben gezeigt, dass letztes Jahr fast ein Drittel aller Menschen, die etwas kaufen wollten, zuerst auf Amazon nachsahen – das sind mehr als doppelt so viele wie jene, die direkt auf Google suchten.

Wenn Sie Reiseinformationen suchen – Flüge, Unterkünfte, Autovermietung, Versicherungen – haben Sie die Wahl. Es gibt natürlich Google. Aber Sie können auch auf Expedia oder Kayak für Flüge gehen, auf Booking.com oder Airbnb für Hotels oder Ferienwohnungen, Hertz oder Priceline für Ihren Mietwagen und Money Supermarket für Ihre Versicherung. Der Washington Post zufolge machen Expedia, Orbitz, Priceline und Travelocity 95 % des US-amerikanischen Online-Reisemarktes aus. Es hat schon eine gewisse Ironie, da sich viele diese Unternehmen vier Jahre zuvor beim US-amerikanischen Justizministerium darüber beschwert hatten, dass die Flugsuche von Google den Wettbewerb behindere – eine Behauptung, die durch die Fakten keinesfalls gestützt wird. Die Flugsuche von Google ist zu einer praktischen Hilfe für Flugreisende geworden, ohne jedoch die herkömmlichen Akteure auf dem Reisemarkt zu verdrängen.

Lokale Informationen sind eine weitere wirklich wichtige Suchkategorie. „Wo kann ich Sushi bekommen?“, „Welches ist das beste Hotel in München?“, „Zeig mir einen guten Klempner vor Ort“. Natürlich ist Google eine Option, aber auch Yelp und TripAdvisor, Dooyoo, Ciao und HolidayCheck. Und der CEO von Yelp sagt in der Tat, dass seine Seite „schnell zu der lokalen Suchmaschine werden wird“, während der CEO von TripAdvisor behauptet, die „größte Reisemarke“ im Internet zu sein. Und die Menschen schauen immer mehr auf ihre Freunde in den sozialen Netzwerken, um diese Art von Empfehlungen zu bekommen. Wie Mark Zuckerberg sagte, sind die „Billionen Content-Teile auf Facebook mehr wert als der Index in allen Internetsuchmaschinen.“

Und dann gibt es das Smartphone. Die Menschen nutzen es ganz anders als ihren Computer. Um noch einmal den Economist zu zitieren: „Mobile Endgeräte haben die Art des Surfens im Internet revolutioniert. Die Nutzer bevorzugen heute Apps (eigenständige Programme auf Smartphones) gegenüber den Webseiten. Die meisten von uns hier heute Abend sind schon etwas älter. Wir sind mit Computern, großen Geräten auf unseren Schreibtischen, und mit ein wenig Glück mit Laptops aufgewachsen. Wenn ich mir meine Kinder und meinen Enkel anschaue, dann ist ihre Welt eine ganz andere. Alles ist mobil und sie verbringen die meiste Zeit mit einer ihrer vielen Apps, die sie auf ihr Handy geladen haben. Sieben von acht Minuten, die wir unsere Handys nutzen, verbringen wir mit Apps. Und die beliebteste App der Welt – auch in Europa – ist… Facebook, ein Unternehmen, dass sich heute als „Sprungbrett zum Internet“ versteht.

Mir geht es nicht darum, dass Google unwichtig ist, wenn es um Informationsbeschaffung geht. Es geht darum, dass die Menschen die Wahl haben, und dass sie davon ständig Gebrauch machen. Der Markt ist sehr umkämpft und ändert sich dauernd. Wie Axel Springer, ein neuer Investor in diesem Gebiet, sagte, „gibt es viele Innovationen auf dem Suchmaschinenmarkt“. Und die Eintrittshürden sind zu vernachlässigen, da der Wettbewerb nur einen Klick weit entfernt stattfindet.

Mit dem Begriff „Netzwerkeffekte“ wird derzeit viel um sich geworfen. Es ist so etwas wie ein schmutziges Wort geworden, auch wenn es nur den Prozess beschreibt, der so viele Dienstleistungen erst nützlich macht. Ein einzelnes Telefon ist nicht nützlich. Sie brauchen andere Leute, die auch Telefone haben, sodass Sie jemanden anrufen können. Und ein soziales Netzwerk ohne Ihre Freunde und Ihre Familie ist kaum ein Netzwerk und wird auch nicht sehr sozial sein. Insofern können Netzwerke nützlich sein. Aber die Suche ist kein Netzwerk, in dem man sich mit anderen Menschen verbinden muss. Sie nutzen Google nicht, weil Ihre Freunde es tun. Lassen Sie mich das anders erklären: Google ist nicht nützlich, weil es beliebt ist; wir sind beliebt, weil wir nützlich sind. Natürlich, je mehr Menschen unsere Suchmaschine nutzen, desto nützlicher werden wir für Werbungtreibende -- aber genauso wie Nutzer die Wahl bei dem Auffinden von Informationen haben, so haben Werbingtreibende unterschieldiche Möglichkeiten im Online Marketing. Man kann gleichermaßen Google nutzen und den Wettbewerber. Solche Beziehungen sind alles andere als exklusiv.

Ähnliche Argumente wie zu “Netzwerkeffekten” werden auch über Daten ins Feld geführt. Unsere Erfahrung zeigt, dass Sie keine Unmengen an Daten benötigen, um online in den Wettbewerb zu treten. Als Google startete, war Yahoo mit Abstand der größte Player im Suchbereich. Wir haben nur wenige Daten genutzt, um aufzuzeigen, wie sich Anfragen viel besser beantworten lassen. Oder schauen Sie sich den Bereich der sozialen Netzwerke an. Wir haben das populärste Netzwerk in Brasilien aufgebaut. Es nannte sich Orkut, Millionen von Menschen haben es aktiv genutzt. Aber innerhalb weniger Jahre wurde es von Facebook überholt, genauso, wie Facebook auch MySpace überholte. Es ist das Rezept, was am meisten zählt, nicht die Zutaten.

Die Wahrheit ist, dass Google ganz anders arbeitet als andere Unternehmen, die als Türsteher bezeichnet und als solche reguliert wurden. Wir sind keine Fähre. Wir sind keine Bahnlinie. Wir sind kein Telekommunikationsnetzwerk und kein Stromnetz, bei dem nur eine einzige Leitung zu Ihnen nach Hause führt und keine Mitbewerber erlaubt sind. Niemand steckt fest, wenn er Google nutzt.

Wir haben die längste Zeit von nahezu zwei Jahrzehnten damit verbracht, Ihr Vertrauen zu gewinnen und Ihnen unseren Wert zu beweisen. Und dies tun wir noch immer Tag für Tag. Weil wir wissen, dass Sie uns verlassen werden, wenn wir nicht mehr nützlich sind. Permanente Erfindung und Neuerfindung stehen im Mittelpunkt eines Prozesses, der Google weiterhin nützlich und relevant macht. Wenn wir keine Innovationen mehr schaffen, wird es jemand anders um uns herum tun und uns damit über kurz oder lang überflüssig machen.

Die Geschichte hat gezeigt, dass Größe und vergangene Erfolge kein Garant für die Zukunft sind. Große Unternehmen können schnell übertrumpft werden. Schauen Sie sich Yahoo, Nokia, Microsoft, Blackberry und andere an, die noch vor wenigen Jahren konkurrenzlos zu sein schienen, dann aber von einer neuen Welle an Technologieunternehmen, darunter Google, überrollt wurden.

Viele unter Ihnen sind skeptisch. Ich verstehe das. Sie sehen Google, Apple, Facebook und Amazon und sagen sich, Mitbewerber haben keine Chance, diese Unternehmen zu schlagen. Da bin ich mir nicht so sicher. Einerseits sind diese Unternehmen untereinander die größten Konkurrenten, weil der Wettbewerb auf dem Technologiemarkt nicht immer vergleichbar ist. Viele denken, unsere größten Wettbewerber seien Yahoo oder Bing. Aber unser größter Konkurrent im Suchmaschinenbereich ist tatsächlich Amazon. Man denkt bei Amazon nicht gleich an die Suche, aber wenn man etwas kaufen möchte, guckt man häufiger danach bei Amazon als dass man es nicht macht. Im Grunde antworten sie auf Anfragen und Suchen der Nutzer genauso, wie wir es tun - auch wenn Amazon offensichtlich den Kaufaspekt der Gleichung stärker im Blick hat.

Aber noch wichtiger ist es zu wissen, dass irgendjemand irgendwo in einer Garage auf uns lauert. Ich weiß das, weil es nicht lange her ist, dass wir in dieser Garage saßen. Der Wandel kommt von dort, wo man ihn am wenigsten erwartet. Das Telegramm drängte die Post zurück. Radio und Fernsehen mischten die Nachrichtenbranche auf. Flugzeuge beendeten die Ära der Ozean-dampfer. Das nächste Google wird nicht das tun, was Google tut, genau wie Google nicht das tat, was AOL tat. Erfindungen sind immer dynamisch und die daraus resultierenden Umwälzungen sollten uns davon überzeugt haben, dass die Zukunft nicht statisch ist. Dies ist der Prozess der Innovation.

Und das ist ein Prozess, der sich seit Menschengedenken immer wieder wiederholt, seit der erste Mensch die Idee hatte, etwas herzustellen, und ein anderer dachte, er könne es besser machen. Es ist ein Prozess, an dem Träumer und Macher gleichermaßen beteiligt sind – Leute, die irgendwo ein Problem sehen und beschließen, es anzupacken.

Bei Innovationen geht es nicht über das nächste irrwitzige Gadget, auch wenn das viele Leute mögen. Es geht um das Bestreben nach Erkenntnis und um unsere Menschkeit. Sei es durch Impfstoffe und Medizin, die unzähligen Menschen das Leben gerettet hat. Sei es durch die Erfindung der simplen Waschmaschine, die einen Teil dazu beigetragen hat, dass Frauen sich emanzipieren konnten.

Es geht auch um wirtschaftliche Chancen -- mehr Beschäftigung und ein höherer Lebensstandard. Junge, schnell-wachsende Unternehmen -- die Innovatoren -- sind die Treiber von Wachstum und Beschäftigung. Sie begründen einen neuerlichen Kreislauf, da die Beschäftigten mit größerer Wahrscheinlichkeit ihre eigenen Unternehmen gründen, mit ihren eigenen Ideen, und wiederum größere Wirtschaftstätigkeit an den Tag legen. Wir haben die Verpflichtung für künftige Generationen, diesen Kreislauf anzutreiben. Das beinhaltet einen fortwährenden kreativen Prozess sowie den Mut, Risiken einzugehen.

Zum Schluss sollte ich fair sein zu Mark Twain. Er war eng befreundet mit dem großen Erfinder Nikola Tesla. Und auch wenn er wohl nicht viel auf das Telefon gab, so hatte er doch großen
Respekt vor der Welt der Wissenschaft und der Technik. Er ließ sogar drei eigene Erfindungen patentieren. Eines meiner Lieblingsbilder ist Twain in Teslas Labor. Der große Zyniker und Satiriker steht dort und starrt auf einen Lichtball, der aus einer Spule in seiner Hand entspringt. Er sieht in die Zukunft und ist begeistert.

Vielen Dank.

Post von Kay Oberbeck, Unternehmenssprecher / Direktor Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Google Nordeuropa